Anamnese der jetzigen Erkrankung
42-jähriger Patient, eingeliefert durch den Rettungsdienst. Sprang auf die U-Bahn-Gleise, um eine gestürzte Frau zu retten. Nachdem er sie erfolgreich von den Gleisen gezogen hatte, rutschte er beim Klettern auf den Bahnsteig aus, fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf auf. Der Rettungsdienst stellte eine Schnappatmung fest. Die prähospitale Intubation war frustran, weshalb vor dem Transport eine Larynxmaske (LMA) platziert wurde.

Verlauf in der Notaufnahme
Triage & Initiale Schockraumversorgung
Schockraumeinlieferung direkt durch den Rettungsdienst.
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Triage & Initiale Schockraumversorgung
Schockraumeinlieferung direkt durch den Rettungsdienst.
Klinische Entscheidungsfindung
Der Patient präsentiert sich mit Schnappatmung und einem GCS von 5, was eine sofortige, definitive Atemwegssicherung erfordert. Es zeigt sich jedoch eine starke oropharyngeale Blutung. In Kombination mit dem Nachweis von Vorhofflimmern am Monitor besteht der hochgradige klinische Verdacht auf eine therapeutische Antikoagulation (z. B. DOAK). Vorbereitung auf eine Rapid Sequence Induction (RSI) und gleichzeitige pharmakologische Antagonisierung im Falle einer intrakraniellen Blutung.
Diagnostik & Befunde
- eFAST (Extended Focused Assessment with Sonography for Trauma)
Befunde:
- Beidseits reguläres Atemgeräusch.
- Pupillen 4 mm und lichtreagibel.
- Ausgeprägte oropharyngeale Blutung festgestellt.
- Vorhofflimmern am EKG-Monitor.
Maßnahmen
- Anordnung von RSI-Medikation: 120 mg Ketamin, 80 mg Rocuronium.
- Anweisung an das Team, 4-Faktoren-PPSB (Prothrombinkomplex-Konzentrat) bereitzuhalten.
- Anweisung an das Personal, die Patientenakte bezüglich DOAK-Einnahme zu überprüfen.
⮑ Verlauf & Reassessment
Patient wird für die definitive Intubation vorbereitet. Die Hämodynamik bleibt während der initialen Beurteilung stabil.
Klinische Medien

Atemwegsmanagement & Neuroprotektion
Notwendigkeit eines definitiven Atemwegs und der Neuroprotektion vor der Bildgebung.
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Atemwegsmanagement & Neuroprotektion
Notwendigkeit eines definitiven Atemwegs und der Neuroprotektion vor der Bildgebung.
Klinische Entscheidungsfindung
Die HWS-Immobilisation verhindert eine Inklination/Reklination des Kopfes, wodurch die Stimmlippen sehr anterior (hochstehend) erscheinen. Ein starrer Führungsstab (Stilett), der in einer 'Hockeyschläger'-Form gebogen ist, wird im Tubus benötigt, um den schwierigen Atemweg zu überwinden. Wegen des hohen Verdachts auf eine intrakranielle Blutung unter Antikoagulation ist die empirische Gabe von 4-Faktoren-PPSB (Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X) aufgrund der schnellen Rekonstitution und des geringeren Volumens dem FFP überlegen. Vor dem CT-Transport wird Mannitol verabreicht, um den intrakraniellen Druck (ICP) durch osmotische Diurese zu senken.
Diagnostik & Befunde
Befunde:
- Anteriore Stimmlippen bedingt durch HWS-Immobilisation, die eine Überstreckung des Kopfes verhindert.
Maßnahmen
- Endotracheale Intubation mittels Endotrachealtubus mit einem in Hockeyschlägerform gebogenen Führungsstab.
- Gabe von 4-Faktoren-PPSB.
- Gabe von 80 g Mannitol.
- Transport des Patienten ins cCT (Schädel-CT).
⮑ Verlauf & Reassessment
Atemweg erfolgreich gesichert. Patient ist für den Transport in die Radiologie ausreichend stabilisiert.
Klinische Medien


Befundung der Bildgebung & Disposition
Rückkehr der cCT-Bilder aus der Radiologie.
Befundung der Bildgebung & Disposition
Rückkehr der cCT-Bilder aus der Radiologie.
Klinische Entscheidungsfindung
Das CT zeigt eine kleine linkstemporale intraparenchymatöse Blutung, schließt jedoch ein Epidural- oder Subduralhämatom aus und zeigt entscheidenderweise keine Mittellinienverlagerung. Dies deutet darauf hin, dass die primäre Läsion relativ klein ist und die Interventionen (Mannitol/PPSB) möglicherweise eine katastrophale Ausdehnung verhindert haben. Der Patient benötigt ein engmaschiges Neuromonitoring auf der Intensivstation, eine antiepileptische Prophylaxe zur Verhinderung posttraumatischer Krampfanfälle (welche den ICP erhöhen könnten) sowie serielle Bildgebung, um die Stabilität der Blutung zu bestätigen.
Diagnostik & Befunde
- Natives Schädel-CT (cCT)
Befunde:
- Kleine linkstemporale intraparenchymatöse Blutung.
- Kein Epiduralhämatom.
- Kein Subduralhämatom.
- Keine Mittellinienverlagerung.
Maßnahmen
- Anordnung einer Sättigungsdosis Keppra (Levetiracetam) zur Anfallsprophylaxe.
- Planung eines Verlaufs-cCTs in 3 Stunden (oder sofort bei Pupillenveränderungen).
- Konsil an die Intensivmedizin zur ITS-Aufnahme.
⮑ Verlauf & Reassessment
Der Patient bleibt kritisch krank mit ungewisser neurologischer Prognose ('vielleicht wacht er auf, vielleicht nicht'), aber die zerebrale Anatomie ist derzeit stabil.
Statuskontrolle & Boarding-Visite
Routinemäßige Statuskontrolle und Visite der Boarding-Patienten, die in der Notaufnahme auf ein Bett warten.
Statuskontrolle & Boarding-Visite
Routinemäßige Statuskontrolle und Visite der Boarding-Patienten, die in der Notaufnahme auf ein Bett warten.
Klinische Entscheidungsfindung
Der Patient befindet sich weiterhin im 'Boarding' der Notaufnahme und wartet auf ein ITS-Bett. Stabile Vitalparameter und Neuro-Checks deuten darauf hin, dass die intraparenchymatöse Blutung derzeit nicht expansiv ist. Angesichts des naturgemäß hohen Risikos einer verzögerten Blutungsexpansion nach anfänglicher oraler Antikoagulation ist jedoch ein erneutes cCT geplant, um eine subklinische Blutungsprogredienz definitiv auszuschließen, bevor das verlängerte Boarding in der ZNA fortgesetzt oder eine Verlegung abgeschlossen wird.
Diagnostik & Befunde
- Serielle neurologische Untersuchungen
Befunde:
- Stabile Vitalparameter
- Stabiler neurologischer Status
Maßnahmen
- Anordnung eines Verlaufs-cCTs in 1 Stunde.
⮑ Verlauf & Reassessment
Der Patient ist weiterhin kritisch krank, bleibt aber neurologisch und hämodynamisch stabil, während er in der Notaufnahme auf die Verlegung wartet.
Diagnosen & Disposition
Diagnosen im Verlauf
- [00:10:56]Schweres Schädel-Hirn-Trauma (GCS 5)
- [00:10:56]Vorhofflimmern mit Verdacht auf systemische Antikoagulation
- [00:16:55]Linkstemporale intraparenchymatöse Blutung
Aktuelle Disposition
Intubiert, stabilisiert und befindet sich weiterhin im Boarding der ZNA in Erwartung eines Intensivbettes. Beibehaltung stabiler Vitalparameter und Neuro-Checks. Ein Verlaufs-cCT ist in 1 Stunde geplant, um eine verzögerte Blutungsausdehnung auszuschließen.
Fallanalyse
Episodenkontext
Sam Wallace dient in der Pilotfolge als hochkomplexer, emotional aufladender Trauma-Fall. Als 'Guter Samariter', der sein Leben für eine Fremde riskiert hat und dabei eine verheerende Hirnverletzung erleidet, unterstreicht seine Geschichte die unvorhersehbare und oft tragische Natur der Notfallmedizin. In S01E04 wird sein Fall im Rahmen einer routinemäßigen Patientenübergabe kurz erwähnt.
Oberärztliche Beurteilung
Medizinische Genauigkeit
Die gezeigte medizinische Behandlung ist äußerst präzise und stellt eine exzellente notfallmedizinische Versorgung dar. Die Schlussfolgerung, dass ein Traumapatient mit Vorhofflimmern und unerwarteter oraler Blutung wahrscheinlich unter DOAK-Therapie steht, ist ein hervorragender klinischer Instinkt. Die Entscheidung zur empirischen Gabe von 4-Faktoren-PPSB (enthält die Faktoren II, VII, IX und X) sowie Mannitol vor dem CT ist ein aggressives, aber realistisches Protokoll für einen sich rasch verschlechternden Traumapatienten bei Verdacht auf eine expansive intrakranielle Blutung. Zudem beschreibt der Intubationsdialog ('Stimmlippen sind sehr anterior... Hockeyschläger gerade nach oben halten') perfekt die Technik, einen starren Führungsstab im Endotrachealtubus in eine 'Hockeyschlägerform' zu biegen, um einen schwierigen Atemweg zu meistern, der durch HWS-Vorsichtsmaßnahmen verkompliziert wird. Die Entscheidung in S01E04, nach einer Beobachtungszeit ein Verlaufs-cCT anzusetzen, entspricht dem medizinischen Standard (Standard of Care), um eine verzögerte Blutungsprogredienz auszuschließen – insbesondere bei Patienten mit vorangegangener Antikoagulation.
Komplikationen & Fehler
- Dem Personal unterlaufen keine direkten medizinischen Fehler; jedoch wurde der Fall prähospital verkompliziert, als dem Rettungsdienst die endotracheale Atemwegssicherung misslang, was zur Einlage einer LMA führte.
- Oropharyngeale Blutungen, wahrscheinlich bedingt durch die Antikoagulation, erschwerten die Sicht auf die Stimmlippen während der Intubation.
- Das verlängerte 'Boarding' von kritischen Neurotrauma-Patienten in der ZNA (wie in S01E04 zu sehen) stellt eine massive Überwachungsbelastung für das Notaufnahmepersonal dar und führt zu potenziellen Verzögerungen in der spezialisierten intensivmedizinischen Versorgung.
Klinische Pearls
Bei Traumapatienten, die sich mit einem unregelmäßigen Herzschlag (Vorhofflimmern) präsentieren, muss ein hoher Verdacht auf eine systemische Antikoagulation bestehen, was das Risiko für katastrophale intrakranielle Blutungen drastisch erhöht.
Bei der Atemwegssicherung eines Traumapatienten mit Verdacht auf HWS-Verletzung kann die klassische 'Schnüffelstellung' (Jackson-Position) nicht angewendet werden. Fortgeschrittene Hilfsmittel wie ein in 'Hockeyschlägerform' gebogener starrer Führungsstab oder ein Bougie mit Coudé-Spitze sind für die Bewältigung anteriorer Atemwege essenziell.
4-Faktoren-Prothrombinkomplex-Konzentrat (PPSB) ermöglicht eine schnelle, kleinvolumige Antagonisierung von Vitamin-K-Antagonisten und bestimmten direkten oralen Antikoagulanzien (DOAKs), was es zu einer entscheidenden Intervention bei lebensbedrohlichen Blutungen noch vor der bildgebenden Bestätigung macht.
Traumatische intrakranielle Blutungen, insbesondere bei Patienten unter oraler Antikoagulation, bergen ein hohes Risiko für eine verzögerte Ausdehnung. Strikte serielle neurologische Kontrollen und routinemäßige Verlaufs-cCTs (z.B. 6 Stunden nach Trauma) sind unerlässlich, um eine stumme Verschlechterung zu erkennen.


