ReanimationGeriatrie MedizinethikPalliativmedizin / Versorgung am Lebensende

Anamnese der jetzigen Erkrankung

89-jährige Bewohnerin eines Pflegeheims mit bekannter chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (Lungenemphysem), kongestiver Herzinsuffizienz und Multipler Sklerose (MS). Sie wurde in der Pflegeeinrichtung im Herz-Kreislauf-Stillstand aufgefunden. Der Rettungsdienst (RD) fand sie bei Eintreffen in Kammerflimmern (KF) vor. Vor Eintreffen in der Notaufnahme (ZNA) war sie auf drei Defibrillationen und zwei Gaben Adrenalin refraktär. Sie wurde unter 'vollständigen Reanimationsbedingungen' (Full Code) eingeliefert, da das Pflegepersonal überlastet war und ihre Patientenverfügung (DNR-Anordnung) nicht auffinden konnte.

Patientenvorstellung
Eintreffen des Rettungsdienstes mit einer 89-jährigen Patientin unter laufender Reanimation (HLW).Veranschaulicht die Vorstellung einer Patientin im refraktären Herz-Kreislauf-Stillstand, die einen sofortigen Übergang zu einer durch die Notaufnahme geleiteten erweiterten kardiopulmonalen Reanimation (ALS - Advanced Life Support) erfordert.

Verlauf in der Notaufnahme

Reanimation / ALS (Advanced Life Support)

00:25:49S01E01Schockraum
Pulslos, Kammerflimmern (KF) auf dem MonitorDr. Robinavitch, Dr. Samira Mohan

Einlieferung der Patientin durch den Rettungsdienst im aktiven Herz-Kreislauf-Stillstand.

+2Details

Klinische Entscheidungsfindung

Da bei Ankunft keine DNR-Anordnung vorlag, besteht die standardmäßige medizinische und rechtliche Verpflichtung, vollständige Reanimationsmaßnahmen durchzuführen. Die Patientin befindet sich in refraktärem Kammerflimmern. Einsatz des LUCAS-Geräts zur Aufrechterhaltung hochwertiger, ununterbrochener mechanischer Thoraxkompressionen, während weitere pharmakologische Interventionen und Defibrillationen vorbereitet werden.

DDx
Refraktäres KammerflimmernSchwere Hypoxie (sekundär zu Lungenemphysem / Herzinsuffizienz)Akuter Myokardinfarkt

Diagnostik & Befunde

  • Rhythmuskontrolle
Befunde:
  • Persistierendes Kammerflimmern

Maßnahmen

  • Anlage des mechanischen Thoraxkompressionssystems LUCAS
  • Anordnung einer weiteren Bolusgabe Adrenalin
  • Vorbereitung einer weiteren Defibrillation

Verlauf & Reassessment

Patientin verblieb trotz mechanischer Kompressionen und fortgeführter ALS-Maßnahmen im Kammerflimmern.

Beendigung der Reanimation

00:27:44S01E01Schockraum
PulslosDr. Robinavitch, Dr. Samira Mohan

Das Pflegeheim faxt die Patientenverfügung / DNR-Anordnung der Patientin erfolgreich mitten in der Reanimation in die Notaufnahme.

Details

Klinische Entscheidungsfindung

Eine gültige DNR-Anordnung gibt vor, dass keine HLW oder erweiterten Reanimationsmaßnahmen (ALS) durchgeführt werden dürfen. Nach Erhalt des dokumentierten Nachweises über den Willen der Patientin am Lebensende wird die Fortsetzung der Reanimation medizinisch unangemessen und rechtlich/ethisch kontraindiziert. Die Maßnahmen müssen sofort abgebrochen werden.

Diagnostik & Befunde

Befunde:
  • Bestätigter gültiger DNR-Status

Maßnahmen

  • Defibrillator ausgeschaltet
  • LUCAS-Gerät ausgeschaltet
  • Sämtliche Reanimationsmaßnahmen beendet
  • Todeszeitpunkt festgestellt

Verlauf & Reassessment

Reanimation beendet. Patientin für tot erklärt. Verlegung in das Abschiedszimmer, in Erwartung der Benachrichtigung der Angehörigen und für einen Moment der Stille.

Diagnosen & Disposition

Diagnosen im Verlauf

  • [00:25:49]Herz-Kreislauf-Stillstand (Kammerflimmern)

Aktuelle Disposition

Verstorben. Verlegt in das Abschiedszimmer, wartet auf Leichenschau/Überführung in die Pathologie und Benachrichtigung der Angehörigen.

Fallanalyse

Episodenkontext

Dieser Fall dient dazu, die chaotische, stark frequentierte Natur der Notaufnahme (ZNA) zu veranschaulichen, insbesondere den 'morgendlichen Ansturm' älterer Patienten aus unterbesetzten Pflegeheimen. Er beleuchtet die systemischen Fehler im Gesundheitswesen, die aufgrund administrativer Engpässe dazu führen, dass Patienten unerwünschte, traumatische Wiederbelebungsmaßnahmen erhalten, während er gleichzeitig Medizinstudenten mit der emotionalen Belastung und den ethischen Realitäten der Notfallmedizin konfrontiert.

Oberärztliche Beurteilung

Medizinische Genauigkeit

Das Szenario ist äußerst realistisch. Pflegeheime überweisen aufgrund von Personalmangel häufig reanimationspflichtige Patienten ohne die entsprechenden Unterlagen in die Notaufnahme. Die standardmäßige Reaktion des ZNA-Teams, eine vollständige Reanimation einzuleiten, bis eine DNR-Anordnung physisch vorliegt, entspricht exakt der realen medizinischen und rechtlichen Vorgehensweise. Der Einsatz des LUCAS-Geräts spiegelt die modernen Reanimationsprotokolle in Notaufnahmen präzise wider.

Komplikationen & Fehler
  • Systemischer Fehler: Die Pflegekraft im Pflegeheim leitete aufgrund der Überlastung mit 60 Patienten eine Reanimation und den Rettungsdienst-Transport ein, ohne den Reanimationsstatus (DNR) der Patientin zu prüfen, und unterzog die Patientin so einer unerwünschten HLW.

Klinische Pearls

In Ermangelung einer verifizierten DNR-Anordnung sind Notfallmediziner rechtlich verpflichtet, vollständige Reanimationsmaßnahmen einzuleiten.

Mechanische Reanimationsgeräte (wie LUCAS oder AutoPulse) sind in der Notaufnahme äußerst effektiv; sie erhalten optimale Perfusionsdrücke aufrecht und setzen klinische Kapazitäten (Personal) frei.

Wird während einer laufenden Reanimation eine gültige DNR-Anordnung entdeckt, sollte die Reanimation unverzüglich beendet werden. Es ist nie zu spät, die Wünsche eines Patienten am Lebensende zu respektieren.

Beim Eintreffen eines älteren Patienten im Herz-Kreislauf-Stillstand sollte immer ein Teammitglied eingeteilt werden, das sofort aktiv nach Patientenverfügungen sucht und Kontakt zu Pflegeeinrichtungen bzw. Angehörigen aufnimmt.

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