Anamnese der jetzigen Erkrankung
12-jährige Patientin stellt sich in Begleitung ihres Vaters mit seit 6 Wochen bestehenden, konstanten suprapubischen Schmerzen in der Notaufnahme vor. Die Schmerzen haben sich progredient von 2/10 auf 7/10 auf der NRS (Numerische Rating-Skala) verschlechtert. Die Patientin berichtet über eine primäre Amenorrhoe, obgleich sich die sekundären Geschlechtsmerkmale (Brustentwicklung, weibliche Beckenform) bereits entwickelt haben. Sie verneint Fieber, Dysurie, Übelkeit, Erbrechen und vaginalen Ausfluss. Ein durchgeführter Urin-Schwangerschaftstest ist negativ.

Verlauf in der Notaufnahme
Triage & Medikamentengabe
Initiale Vorstellung und Schmerztherapie während der Wartezeit auf einen Behandlungsplatz.
Triage & Medikamentengabe
Initiale Vorstellung und Schmerztherapie während der Wartezeit auf einen Behandlungsplatz.
Klinische Entscheidungsfindung
Die Patientin hat leichte bis mittelschwere Schmerzen, ist aber hämodynamisch stabil. Verabreichung einer oralen Analgesie zur Überbrückung der Wartezeit bis zur vollständigen ärztlichen Evaluation.
Diagnostik & Befunde
Befunde:
- Patientin ist wach, ansprechbar und zeigt mäßige Schmerzäußerungen.
Maßnahmen
- Gabe von Paracetamol p.o.
⮑ Verlauf & Reassessment
Patientin tolerierte die perorale Medikation gut und wartete auf einen freien Untersuchungsraum.
Anamnese und Erstevaluation
Patientin wird im Raum aufgenommen und die detaillierte Anamnese wird erhoben.
Anamnese und Erstevaluation
Patientin wird im Raum aufgenommen und die detaillierte Anamnese wird erhoben.
Klinische Entscheidungsfindung
Das Vorhandensein sich verschlimmernder, zyklusartiger Unterbauchschmerzen bei einer frühen Adoleszentin mit primärer Amenorrhoe und normalen sekundären Geschlechtsmerkmalen deutet stark auf eine Obstruktion des Genitaltraktes hin, wie z.B. eine Hymenalatresie (Hymen imperforatus) oder ein transversales Vaginalseptum. Endokrine Ursachen (wie eine hypophysäre Dysfunktion) verursachen seltener akute, sich verschlimmernde suprapubische Schmerzen und sollten strukturellen Ursachen nachgeordnet werden.
Diagnostik & Befunde
- Urin-Schwangerschaftstest (Negativ)
Befunde:
- Seit 6 Wochen bestehende suprapubische Schmerzen, die bis auf 7/10 eskaliert sind.
- Primäre Amenorrhoe.
- Normale Brust- und Beckenentwicklung (Tanner-Stadien).
- Keine infektiösen, gastrointestinalen oder urologischen Begleitsymptome.
Maßnahmen
⮑ Verlauf & Reassessment
Patientin wurde für eine Untersuchung des äußeren Genitals mit einem hinten offenen Flügelhemd vorbereitet.
Körperliche Untersuchung
Notwendigkeit zur Beurteilung des äußeren Genitals, um strukturelle Anomalien auszuschließen, die eine primäre Amenorrhoe verursachen könnten.
Körperliche Untersuchung
Notwendigkeit zur Beurteilung des äußeren Genitals, um strukturelle Anomalien auszuschließen, die eine primäre Amenorrhoe verursachen könnten.
Klinische Entscheidungsfindung
Eine einfache externe Inspektion der Vulva und des Introitus vaginae ist minimalinvasiv und kann eine Hymenalatresie sofort bestätigen oder ausschließen. Diese präsentiert sich typischerweise als vorgewölbte, bläulich-livide Membran aufgrund von gestautem Menstruationsblut (Hämatokolpos).
Diagnostik & Befunde
- Inspektion des äußeren Genitals
Befunde:
- Hymen imperforatus, das die Vagina vollständig verschließt.
- Vorgewölbte, livide Membran, die auf etwa 3 Monate altes, gestautes Menstruationsblut (Hämatokolpos) hinweist.
Maßnahmen
⮑ Verlauf & Reassessment
Patientin tolerierte die Untersuchung gut ohne akute Schmerzexazerbation.
Diagnosestellung und weiteres Procedere
Besprechung der Befunde und des Behandlungsplans mit dem Vater.
Diagnosestellung und weiteres Procedere
Besprechung der Befunde und des Behandlungsplans mit dem Vater.
Klinische Entscheidungsfindung
Die Diagnose wurde durch die klinische Blickdiagnose gesichert. Die Erkrankung ist benigne und vollständig kurativ behandelbar, erfordert jedoch einen kleinen chirurgischen Eingriff (Hymenotomie/Hymeninzision) durch die Gynäkologie in Kurznarkose. Beruhigung ist essenziell, insbesondere für einen alleinerziehenden Vater, der wegen eines reproduktionsmedizinischen Problems seiner Tochter stark verunsichert ist.
Diagnostik & Befunde
Befunde:
- Bestätigte Hymenalatresie mit Hämatokolpos.
Maßnahmen
- Gynäkologisches Konsil zur Anmeldung eines kleinen operativen Eingriffs (Hymenotomie).
⮑ Verlauf & Reassessment
Der Vater ist äußerst erleichtert zu hören, dass es sich um ein einfaches, heilbares strukturelles Problem handelt und nicht um eine lebensbedrohliche Krankheit wie das Karzinom, dem seine Frau erlag.
Diagnosen & Disposition
Diagnosen im Verlauf
- [S01E04]Hymenalatresie mit Hämatokolpos
Aktuelle Disposition
Gynäkologisches Konsil zur Durchführung einer Hymenotomie unter Narkose initiiert.
Fallanalyse
Episodenkontext
Der Fall beleuchtet eine klassische jugendmedizinische Vignette, die bei Patienten und Eltern oft zu erheblicher psychischer Belastung führt, jedoch eine einfache und sehr zufriedenstellende chirurgische Lösung bietet. Er hebt zudem die emotionale Verletzlichkeit eines alleinerziehenden Vaters hervor, der nach dem Verlust seiner Frau die reproduktive Gesundheit seiner heranwachsenden Tochter navigieren muss.
Oberärztliche Beurteilung
Medizinische Genauigkeit
Dieser Fall ist medizinisch außerordentlich präzise dargestellt. Die Präsentation von eskalierenden, zyklusartigen Abdominal- bzw. Beckenschmerzen bei einer frühen Adoleszentin mit sich entwickelnden sekundären Geschlechtsmerkmalen, jedoch primärer Amenorrhoe, ist eine Lehrbuchvignette für die Hymenalatresie. Die visuelle Beschreibung des vorgewölbten, lividen Hymens ist der exakte pathognomonische Befund eines Hämatokolpos.
Komplikationen & Fehler
- Vor der körperlichen Untersuchung stellt Melissa die Verdachtsdiagnose einer 'hypophysären Dysfunktion'. Dies verdeutlicht den häufigen Fehler, sich auf komplexe endokrine 'Zebras' zu stürzen, bevor eine grundlegende körperliche Untersuchung durchgeführt wurde, um einfache strukturelle Probleme auszuschließen.
Klinische Pearls
Bei jeder heranwachsenden Patientin, die sich mit zyklischen oder progredienten Unterbauchschmerzen und primärer Amenorrhoe vorstellt, muss eine Hymenalatresie frühzeitig durch eine einfache Inspektion des äußeren Genitals ausgeschlossen werden.
Der klassische klinische Untersuchungsbefund einer Hymenalatresie mit Hämatokolpos ist eine vorgewölbte, bläuliche oder livide Membran am Introitus vaginae.
Ein Schwangerschaftstest (ß-hCG) muss zwingend bei allen gebärfähigen Patientinnen mit Abdominalschmerzen durchgeführt werden, selbst wenn eine sexuelle Inaktivität oder eine primäre Amenorrhoe angegeben wird.


