Anamnese der jetzigen Erkrankung
Der Patient ist ein 34-jähriger Mann, der beim Einladen von Feuerwerks-Abschussrohren der Klasse B in einen Transporter von einer Explosion erfasst wurde. Er wurde 3 bis 5 Meter durch eine Garage geschleudert und prallte gegen den Rahmen eines heruntergelassenen Garagentors. Er stellt sich mit einer großen, blutenden Kopfplatzwunde, Thoraxschmerzen und Tinnitus vor.
Verlauf in der Notaufnahme
Ersteinschätzung & Stabilisierung
Schockraumaufnahme nach Explosionstrauma (Polytrauma-Management).
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Ersteinschätzung & Stabilisierung
Schockraumaufnahme nach Explosionstrauma (Polytrauma-Management).
Klinische Entscheidungsfindung
Explosionstraumata können primäre (Druckwelle), sekundäre (Schrapnell/Splitter), tertiäre (Aufprall) und quartäre (Verbrennungen) Verletzungen verursachen. Das Team muss rasch innere Blutungen und Rupturen lufthaltiger Organe ausschließen. Die starke Blutung der Kopfhaut erfordert eine schnelle Hämostase, um den Patienten sicher in die CT zu transportieren.
Diagnostik & Befunde
- Primary Survey (ABCDE-Schema)
- E-FAST-Sonographie (Negativ für Perikarderguss oder freie intraabdominelle Flüssigkeit)
Befunde:
- Atemwege frei, Atmung suffizient
- Beidseits gutes Pleuragleiten (Lung sliding)
- Druckschmerz über dem Sternum (Verdacht auf Fraktur)
- Tiefe Kopfplatzwunde (bis durch die Galea aponeurotica)
Maßnahmen
- Gabe von 50 µg Fentanyl IV
- Anlage von Raney-Klammern am Kopf zur raschen Hämostase
- Transport ins Polytrauma-CT
⮑ Verlauf & Reassessment
Blutung vorübergehend gestoppt; Patient ist hämodynamisch stabil für den CT-Transport.
Klinische Medien


Post-CT-Besprechung & Wundversorgung
Rückkehr des Patienten aus der CT zum definitiven Wundverschluss.
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Post-CT-Besprechung & Wundversorgung
Rückkehr des Patienten aus der CT zum definitiven Wundverschluss.
Klinische Entscheidungsfindung
Das CT bestätigte eine isolierte Sternumfraktur ohne intrakranielle Blutung. Die tiefe Kopfplatzwunde kann nun definitiv verschlossen werden. Angesichts des stumpfen Thoraxtraumas benötigt der Patient eine stationäre Monitorüberwachung über Nacht wegen möglicher verzögerter Rhythmusstörungen oder Komplikationen.
Diagnostik & Befunde
- CT Abdomen/Becken/Schädel/Thorax (Polytrauma-CT)
Befunde:
- Isolierte Sternumfraktur
- Keine Schädelfraktur
- Keine intrakranielle Blutung
Maßnahmen
- Gabe von 4 mg Morphin IV
- Lokalanästhesie (1% Lidocain mit Adrenalin)
- Dreischichtiger Wundverschluss am Kopf (Galea, Subkutis, Hautklammern)
⮑ Verlauf & Reassessment
Der Patient ist ansprechbar, klagt über atem- und bewegungsabhängige Thoraxschmerzen, bleibt jedoch hämodynamisch stabil.
Klinische Medien


Klinische Verschlechterung & Reanimation
Patient klagt über stärkste Thoraxschmerzen und wird rasch hypoton.
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Klinische Verschlechterung & Reanimation
Patient klagt über stärkste Thoraxschmerzen und wird rasch hypoton.
Klinische Entscheidungsfindung
Eine plötzliche, ausgeprägte Hypotension mit Halsvenenstauung bei freier Lunge spricht stark für einen obstruktiven Schock (Perikardtamponade oder Spannungspneumothorax). Eine sofortige bettseitige Echokardiographie ist erforderlich. Sobald die Tamponade bestätigt ist, ist eine notfallmäßige Perikardpunktion lebensrettend. Ketamin wird zur Sedierung gewählt, um den Sympathikotonus zu erhalten und einen weiteren kardiovaskulären Kollaps zu vermeiden. Der apikale Zugangsweg wird gewählt, um unter direkter Ultraschallsicht die Punktionsstrecke bis zum Erguss zu minimieren.
Diagnostik & Befunde
- Bettseitige Echokardiographie (POCUS)
Befunde:
- Halsvenenstauung
- Perikarderguss mit diastolischem Kollaps des rechten Ventrikels (RV)
- Systolischer Blutdruck auf 64 mmHg abgefallen
Maßnahmen
- 500 ml Vollelektrolytlösung als intravenöser Bolus
- 100% O2 über Non-Rebreather-Maske (mit Reservoir)
- 0,5 mg/kg Ketamin IV zur prozeduralen Sedierung
- Ultraschallgesteuerte Perikardpunktion (apikaler Zugang)
- Einlage eines Seldinger-Drahts (J-Draht) und eines Perikardkatheters mit Dreiwegehahn
⮑ Verlauf & Reassessment
Die Aspiration von 40 ml Blut führte zu einer sofortigen hämodynamischen Verbesserung. Der systolische Blutdruck stieg auf 90 mmHg, der Carotispuls wurde kräftiger. Der Patient wurde für den Transport in den OP stabilisiert.
Klinische Medien




Diagnosen & Disposition
Diagnosen im Verlauf
- [Schockraum]Tiefe Kopfplatzwunde
- [Post-CT-Besprechung]Isolierte Sternumfraktur
- [Klinische Verschlechterung (Schockraum)]Perikardtamponade sekundär zu einer traumatischen Ruptur des rechten Atriums
Aktuelle Disposition
Aufnahme in den Operationssaal (Herz-Thorax-Chirurgie) zur definitiven chirurgischen Versorgung der Vorhofruptur.
Fallanalyse
Episodenkontext
Dante dient als hochbrisanter Notfallpatient am Schichtende. Seine plötzliche Verschlechterung verzögert Dr. Robbys pünktlichen Feierabend und bietet Trinity Santos einen hochstressigen, aber lehrreichen Moment, in dem sie unter Druck erfolgreich eine apikale Perikardpunktion durchführt.
Oberärztliche Beurteilung
Medizinische Genauigkeit
Die Präsentation einer verzögerten Herztamponade infolge einer stumpfen Sternumfraktur (welche einen langsamen Einriss im rechten Atrium verursachte) ist medizinisch korrekt und ein bekannter Fallstrick (Pitfall) in der Traumatologie. Die Wahl von Ketamin zur prozeduralen Sedierung bei einem hämodynamisch instabilen Patienten ist klug, da es zur Blutdruckstützung auf eine Katecholaminausschüttung setzt – im Gegensatz zu Propofol, welches einen letalen Blutdruckabfall verursachen würde. Der apikale Zugang für die Perikardpunktion ist, obwohl weniger standardmäßig als der subxiphoidale Zugang, unter direkter Ultraschallkontrolle durchaus akzeptabel und mitunter zu bevorzugen, wenn die Flüssigkeitsansammlung dem Apex am nächsten liegt.
Komplikationen & Fehler
- Die initiale Beurteilung stufte den Patienten basierend auf einem negativen FAST-Ultraschall und CT korrekt als stabil ein, jedoch kann ein stumpfes Herztrauma verzögerte Manifestationen aufweisen. Das Team entschied sich richtigerweise für eine stationäre Überwachung anstatt einer Entlassung, was dem Patienten letztlich das Leben rettete.
Klinische Pearls
Die Beck-Trias (Hypotension, Halsvenenstauung und leise Herztöne) ist die klassische Präsentation einer Perikardtamponade. In der Notaufnahme ist der Ultraschall (POCUS) viel schneller und zuverlässiger als die Auskultation der Herztöne.
Ein negatives FAST-Ergebnis bei Aufnahme schließt eine sich entwickelnde Blutung nicht aus. Serielle Untersuchungen sind entscheidend, insbesondere bei Hochrasanztraumata oder Explosionstraumata.
Ketamin ist das Einleitungsmedikament der Wahl bei hypotonen Schockpatienten, die eine Sedierung benötigen, da es den Blutdruck durch sympathische Stimulation meist erhält oder steigert. Extreme Vorsicht ist jedoch bei schwerem kardiogenem oder obstruktivem Schock geboten, wenn die körpereigenen Katecholaminreserven bereits ausgeschöpft sind.
Tiefe Kopfplatzwunden, welche die Galea aponeurotica durchtrennen, klaffen aufgrund des antagonistischen Zugs der Musculi frontalis und occipitalis weit auseinander. Eine Naht der Galea ist unerlässlich, um die Spannung von der Haut zu nehmen und eine korrekte Wundadaption zu ermöglichen.
Ein korrekter mehrschichtiger Wundverschluss am Kopf verhindert die Bildung eines subgalealen Hämatoms. Er versiegelt zudem die 'Gefahrenzone' der Kopfhaut (das lockere Bindegewebe) und verhindert, dass sich oberflächliche Infektionen über Venae emissariae in die intrakraniellen venösen Sinus durae matris ausbreiten.
Die Verwendung von Hautklammern (Staples) für die äußerste Hautschicht am Kopf wird in der Notaufnahme oft bevorzugt, da dies schneller geht als das Nähen, die Haarfollikel weniger schädigt und das Risiko lokaler Gewebsischämien reduziert.
Bei einer akuten traumatischen Perikardtamponade ist der Herzbeutel unnachgiebig und hat keine Zeit, sich zu dehnen. Die Entfernung schon sehr kleiner Flüssigkeitsmengen (bereits 20-50 ml) kann den intraperikardialen Druck dramatisch senken und das Herzzeitvolumen wiederherstellen.
Wenn eine Notfall-Perikardpunktion bei Verdacht auf eine aktive Blutung (z.B. Vorhof- oder Ventrikelruptur) durchgeführt wird, ist die Anlage eines Verweilkatheters mit Dreiwegehahn essenziell. Dies ermöglicht eine wiederholte Entlastung nachblutender Mengen und dient als 'Bridge-to-Surgery' bis zur definitiven chirurgischen Versorgung.
POCUS hat die Perikardpunktion revolutioniert. Anstatt sich ausschließlich auf den traditionellen, blinden subxiphoidalen Landmarken-Zugang zu verlassen, können Kliniker nun gezielt schallen, um die größte Flüssigkeitstasche mit dem geringsten Abstand zur Thoraxwand zu identifizieren, was häufig einen apikalen oder parasternalen Zugang sicherer und direkter macht.


